Ein Konzert, bei dem man nicht das Gefühl hat, in einem klassischen Konzert zu sitzen, sondern eher Teil eines Gesprächs zu sein. Genau darum geht es bei „Zwischen Traum und Tango“ in der Reihe musik+.
Die Idee dahinter kommt nicht von ungefähr. Der veranstaltende Verein der Musikfreunde hat in den letzten Jahren bewusst damit experimentiert, klassische Musik aus ihrem gewohnten Rahmen zu lösen. Musik soll nicht isoliert auf einer Bühne stattfinden, sondern in einem größeren Zusammenhang erlebbar werden. Austausch, Begegnung und neue Perspektiven stehen im Mittelpunkt. Besonders wichtig ist dabei auch, junge Menschen nicht nur ins Publikum zu holen, sondern sie aktiv einzubinden. Für diesen Abend haben Jugendliche gemeinsam mit einer Szenografin den Raum gestaltet und damit selbst mitentschieden, wie sich das Konzert anfühlt. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die bewusst locker ist und Hemmschwellen abbaut.
Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt sich auch in der Moderation von Javier Álvarez Fuentes. Seine eigene Erfahrung prägt seinen Zugang bis heute. „Ich hatte keinerlei Beziehung zu dieser Musik – aber auch nicht zu den Menschen, die sie gespielt haben.“ Genau diese Distanz möchte er aufbrechen. Statt klassischer Werkeinführung geht es um Nähe und persönliche Geschichten. „Sie kennenzulernen ist, glaube ich, ein sehr direkter und menschlicher Zugang zur Musik.“
Dafür verändert sich nicht nur die Art der Moderation, sondern auch das gesamte Setting. „Das Ganze ist eher wie ein Treffen in einem Wohnzimmer.“ Das Publikum ist nicht einfach Zuhörer, sondern Teil des Geschehens. Gespräche entstehen, entwickeln sich weiter, manchmal auch spontan. Gerade diese Offenheit ist gewollt. „So viel zu wissen, dass Raum für Spontaneität entsteht“, beschreibt Álvarez Fuentes seine Vorbereitung.
Im Mittelpunkt des Abends stehen Duo Kravets-Kassung mit Lena Kravets und Tobias Kassung. Bei beiden begann die Verbindung zur Musik früh und ziemlich selbstverständlich. „Das war bei uns beiden schon sehr früh als Kinder klar“, sagen sie rückblickend.
Interessant ist, wie persönlich ihre Beziehung zu ihren Instrumenten ist. Lena Kravets beschreibt den Moment, in dem sie zum Cello fand, fast körperlich. Sie habe gespürt, „wie meine Seele und mein Körper mit dem Klang des Cellos resoniert“. Tobias Kassung erinnert sich an einen viel einfacheren, aber genauso entscheidenden Anfang. Eine Kindergitarre zum Geburtstag und sofort war klar, dass daraus mehr wird. „Ich habe mich direkt in das Instrument verliebt und jeden Tag darauf gespielt.“
Diese persönliche Verbindung setzt sich auch im Zusammenspiel fort. Nach vielen gemeinsamen Jahren ist daraus ein sehr feines musikalisches Verständnis entstanden. „Die Klänge der beiden Instrumente passen einfach super zusammen“, sagt Kassung. Und Kravets beschreibt, wie gerade die Kombination mit der Gitarre ihr neue klangliche Möglichkeiten eröffnet hat, leiser, differenzierter, aber auch kraftvoller zu spielen.
Besonders deutlich wird diese enge Zusammenarbeit in ihrer eigenen Komposition „Ein Traum vom Frieden“. Das Stück ist nicht einfach ein Programmpunkt, sondern ein gemeinsamer künstlerischer Prozess. „Das ist unser gemeinsames, eigenes Stück“, sagen sie. Komponiert von Tobias Kassung und anschließend gemeinsam weiterentwickelt.
Inhaltlich erzählt die Sonate eine Geschichte, die weit über Musik hinausgeht. Drei Szenen, die sich mit Heimat, Flucht und Hoffnung beschäftigen. Der erste Teil beschreibt eine friedliche Welt, einen Ort der Zugehörigkeit. Dann folgt ein Bruch. „Das ist die Vertreibung, die Flucht.“ Die Musik wird unruhiger, intensiver. Im letzten Teil öffnet sich wieder ein anderer Raum. „Das ist die Hoffnung.“ Eine Hoffnung, die nicht abstrakt bleibt, sondern bewusst als gemeinsames Gefühl gedacht ist. „Eine Hoffnung und ein Wunsch, der uns alle auf dieser Welt vereint.“
Gerade dieser inhaltliche Zugang passt zu dem, was der Verein mit musik+ erreichen will. Musik wird nicht nur als ästhetisches Erlebnis verstanden, sondern auch als Möglichkeit, gesellschaftliche Themen aufzugreifen und gemeinsam zu reflektieren.
Dabei geht es ausdrücklich auch um neue Zugänge. Die Musiker selbst formulieren das sehr direkt. „Habt gar keine Berührungsängste.“ Klassische Musik müsse kein abgeschlossener Raum sein. Es gehe darum, neugierig zu sein und sich einfach darauf einzulassen.
Am Ende fügt sich alles zusammen. Ein Format, das bewusst auf Nähe setzt. Künstler, die ihre eigene Geschichte mitbringen. Ein Publikum, das einbezogen wird. Und junge Menschen, die nicht nur zuschauen, sondern mitgestalten.
Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied. Dass man nicht das Gefühl hat, ein Konzert zu besuchen, sondern Teil von etwas zu sein, das gemeinsam entsteht.
Zu den ausführlichen Interviews und den begleitenden Reportagen der Jugendlichen rund um den Konzertabend auf www.standpunktonline.com

